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Umzug

Der Umzug

Nun war es soweit und der Umzug nahte. Die fehlenden Möbel wurden geliefert und jetzt gab es kein Zurück mehr. Nach dem krassen Rückschritt der letzten OP gestaltete sich jegliches Fortbewegen in der Wohnung schwierig. Der große Vorteil dieser Wohnung: ein modernisierter Altbau mit einer Deckenhöhe von teilweise 1,90 m, in der die Balken frei liegen. Das hieß für mich, dass ich jederzeit eine Möglichkeit zum Festhalten hatte. Da kannst du dich wie Jane im Urwald, von Balken zu Balken hangeln und wenn gar nichts geht – krabbeln geht immer, allerdings AUA für die Knie!

So war es Mai, und ich bezog nun mit gemischten Gefühlen mein eigenes Reich. Einerseits war es sehr schön, aber irgendwie saß mir noch jede Menge Angst im Nacken. Meine Mutter, die ja nun quasi fast um die Ecke wohnte, kam täglich rüber, um mich in meinem Alltag zu unterstützen. Sie kochte, putze, half bei allem Erdenklichen, einfach unbezahlbar.

Für mich war es ja fast ein Jahr, seitdem ich komplett meine Selbstständigkeit verloren hatte, und nun durfte ich erst mal wieder gucken, was mir überhaupt Freude bereitet. Auch in Gedanken schauen, was mir hilft, was ich selbst tun kann usw. Dies beschäftigte mich erst einmal und natürlich recherchierte ich im Internet über das, was ich da im Koma erlebt hatte, und was das für Kräfte waren, die da am Wirken waren. Somit waren meine Tage neben der ganzen Physiotherapie erst mal ausgefüllt. Heute betrachtet würde ich sagen: Ich gönnte mir überhaupt keine Ruhe. Permanent war ich mit irgendwas beschäftigt. Ich verlor dadurch auch meine Freude, war nur noch ein funktionierendes etwas. Schlimm, doch damals war ich mir dessen nicht bewusst. Mein Körper und die Umstände erlaubten mir manchmal nur das Liegen und Atmen. Zu mehr war ich teilweise überhaupt nicht fähig, und die Tatsache stimmte mich extrem traurig. Gedanken, ob das Leben so für einen Sinn ergeben sollte, quälten mich zusätzlich. Und Schwäche zu zeigen war damals noch ein NO GO! Schließlich war ich ja so geprägt, dass ich zu funktionieren hätte. Immer schön lieb und brav die Klappe halten. So verlebte ich mein Leben nun tagein, tagaus.

Ich beschäftige mich derweil viel mit dem Internet.
Es führte mich dann aufgrund vieler you tube-Videos zu Christian Riecken, und ich buchte ein Coaching. In einer Meditation führte er mich zu meinem Inneren Kind. Was ich da sah, war wahrlich erschreckend! Ein Häufchen Elend, ein schwarzer Fleck am Boden – ooooh ha!! Es gab also noch viel zu tun. Meine Seelenheilreise begann. Körper, Geist und Seele sind eine Einheit und tief in mir wusste ich: Nicole, deine Seele möchte heilen. Es war klar, dass dies jetzt meine Aufgabe und mein Weg war, genauso wie anfangs in der Reha diese Seelenruhe und Stimme in mir, die sprach: Keine Sorge, Nicole, du wirst wieder laufen. Es verlangt ein tiefes Vertrauen, doch auch dies kann man lernen mit der Zeit.

Nun musste ich schauen, wo und wie ich beginnen wollte, doch ich ließ mich komplett intuitiv auf alles ein. Es gab weder einen Plan, noch ein Konzept. Innerlich wusste ich, was zu tun ist. Ich begegnete zu der Zeit noch vielen Widerständen im Außen. Meine Krankenkasse triggerte mich permanent an. Mir war klar, dass es irgendwas mit mir im Inneren zu tun hat, und so begab ich mich auf Spurensuche à la Miss Marple. Manchmal reichte der Gedanke, dass ich bei meiner Krankenkasse wieder anrufen musste, um meinen Puls enorm in die Höhe zu bringen. Auf meinem Tisch stand schon ein Schild mit dem Wort GELASSENHEIT.
So atmete ich erst einmal in meine Emotion hinein, um mich etwas zu beruhigen, damit ein einigermaßen sachliches, ruhiges Gespräch möglich war. Sie spiegelten mir tiefsitzende Themen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, Ängste und vieles mehr.
Wenn ein Thema in mir angetriggert wurde, brach ich sofort in Tränen und dann war ein sachliches Gespräch kaum noch möglich. Meist ging es ja um Fahrten zum Arzt, die nur mit Transportschein und Genehmigung der Krankenkasse möglich waren. Da ich mit meiner Hirnblutung allerdings kein Standard-Patient wie ein Krebs- oder Dialyse-Patient war, fiel ich komplett aus dem Raster. Es gab für alles Mögliche Bestimmungen, Genehmigungen, nur nicht für mich. Es wurden Gefühle wie Ohnmacht, Ablehnung usw. bedient, die ja mit der jetzigen Situation im Außen nur angezeigt wurden. So zeigte sich mir, was in meinem Inneren noch schlummerte und auf Heilung wartete. Mein Schwerbehinderten-Ausweis hatte zu der Zeit nur das Merkzeichen „G“ und man braucht „aG“, um die Fahrten von der Krankenkasse genehmigt zu bekommen. Dass ich nicht laufen konnte, interessierte da niemanden, denn es wurde streng nach Aktenlage und Vorschrift gearbeitet. Ja, das mach erst einmal deinem Verstand klar! Und das Versorgungsamt, zuständig für die Bearbeitung der Merkzeichen, ließ sich auch nicht aus der Ruhe bringen. So traurig es auch ist, du bist da nur eine Nummer. Ich lernte und erkannte für mich, dass ein sich Aufregen überhaupt nichts bringt. Es raubte mir nur Kraft, die ich an anderer Stelle besser einsetzen konnte.

Das Gute war, dass ich mein Auge wieder bewegen konnte und Nachts kein Abkleben mehr nötig war. Die Augenärztin machte mir Hoffnung auf eine OP. Allerdings sollte man mindestens bis Frühjahr 2015 warten. Sie meldete mich jedoch schon in der Uniklinik Göttingen an, um eine Voruntersuchung machen zu lassen. Nun gab es Freude und Hoffnung, alsbald wieder sehen zu können.

So ging das Jahr dahin und neigt sich bald schon dem Ende entgegen.