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2016 – Teil 4

2016 – Teil 4

So, da war ich nun wieder zu Hause und es ging mir soweit ganz gut. Bis Sonntagnachmittag. Meine Mutter war zum Kaffee trinken zu Besuch, als ich plötzlich – wie aus dem Nichts – heftiges Herzrasen verspürte. Ich wunderte mich, versuchte ruhig zu bleiben, doch es fiel mir zusehends schwerer. Ich dachte, gleich platzt mein Herz, so was Extremes hatte ich nie zuvor erlebt. Meine Mutter hatte zufälligerweise ihr Blutdruckmessgerät dabei und so kontrollierte ich meinen Blutdruck. Ich traute meinen Augen, als ich den unteren Wert bei 138 (!) sah. Normalerweise war noch nicht einmal der oberste Wert so hoch. Ab diesem Augenblick bekam ich eine massive Angst- und Panikattacke. Himmel, so etwas hatte ich nie zuvor erlebt. Ich hatte das Gefühl, um mein Leben kämpfen zu müssen. Gedanken wie „Was soll ich jetzt tun?“, „Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ usw. schossen wie Blitze durch meinen Kopf. Ich telefonierte mit einer Klinik, die mich etwas beruhigen konnte. Eins jedoch stand für mich fest: Morgen früh würde ich als erstes meinen Hausarzt anrufen – ich blieb keinen Tag mehr alleine zu Hause.

So rief ich Montagfrüh gleich in der Praxis an, um mit meinem Arzt zu reden. Dieser fragte „Ja, wo wollen Sie denn noch hin? Sie kommen doch gerade aus dem Krankenhaus.“ Ich sagte ihm, dass es mir völlig egal wäre. So etwas wollte ich nicht nochmal erleben und ich würde auch keinen Tag mehr alleine bleiben. Die einzige Möglichkeit, die er sah, war die Psychiatrie. Mir war es total egal – ich hatte nur Angst, dass ich so etwas noch mal alleine durchleben muss. Das wollte ich keinesfalls. Er leitete alles in die Wege, und so fuhr ich am selben Tag noch in die Klinik, die allerdings weiter von zu Hause weg war.

Dort angekommen war es schon ein komisches Gefühl. Auf der Station herrschte eine sehr gedrückte Stimmung und ich musste mich da erst einmal einfinden, gar nicht so einfach. Gott sei Dank hatte ich eine sehr nette Zimmernachbarin. Was sich für mich als schwierig herausstellte, war die Körperpflege – etwas ganz Simples wie morgens Haarewaschen wurde zu einem täglichen Kampf für mich. Jeden Tag betteln und um Hilfe bitten, ich kam mir so blöd vor. Ich fragte mich innerlich „Ob die mich testen wollen?“ Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch mit 100% Schwerbehinderung jeden Tag so ein Akt erleben muss. Doch, muss er! Denn das schien dort auf der Station niemanden zu interessieren.

Mein Blutdruck und Puls wurden täglich kontrolliert und tatsächlich war er zu hoch. Ich fragte mich, warum die im Krankenhaus dazu nicht fähig waren, denn da lag ich ja nun gerade eine Woche vorher. Doch ich vermute meine Seele und mein Körper wollten mir nicht nur klar machen, dass es sinnvoll sei, mal etwas Druck aus meinem Leben zu nehmen, es ging offensichtlich noch um etwas ganz anders.

Es wurde Samstag und plötzlich kam ein unheimlich starkes Heimweh in mir auf. Ich fühlte mich so einsam und verlassen von allen. Dieser Schmerz ließ mich stundenlang weinen. Ich rief noch zu Hause an, um mein Leid loszuwerden. Das Gespräch half mir dann so weit, als dass ich mich etwas beruhigen konnte. Ich versuchte zu fühlen, wo dieser Schmerz herkam und es war sonnenklar: In der Zeit nach meinem Koma hatte ich mutterseelenalleine in der Klinik in Plauen gelegen und mich oft einsam und verlassen gefühlt, ebenso tauchten Bilder meiner Kindheit auf mit eben solchen Gefühlen. Nach dem ich das erkannt hatte, trat auch sofort Besserung ein.

Am Montag rief mein Sohn an und erkundigte sich bei mir und schon schien auch wieder die Sonne in meinem Leben. Doch es kam noch besser an dem Tag! Gegen Abend klopfte es an meiner Zimmertür und wer stand dort!? Mein Sohn und meine Mutter besuchten mich. Ich weinte vor Freude und Glück. Es war so heilsam für mich, das kann ich hier gar nicht in Worte fassen. Tja, irgendwie hatte scheinbar alles seinen Sinn. Gottes Wege sind unergründlich, oder wie heißt das?

Ich beschloss dann, mich in dieser zweiten Woche nach Hameln verlegen zu lassen, weil ich spürte, dass mir die Gespräche im Allgemeinen wirklich guttaten. Und ich hatte keine Ahnung davon, was mich da erwarten würde! Wir lesen uns bald wieder …